back 2 "enlightenment" (IV)

38. Schule Aus!

"Schule Aus! Ich darf nach Haus!",
so flachse ich frech zum Abschied durch die Gegend. Die Erinnerung an Ma Bali steckt noch in mir wie der silberne Armreif in meiner Weste. Silberketten konnte ich noch um 11.30 in der Nacht einkaufen, nachdem sie ihre Verabredung hat platzen lassen.
Daheim bemerke ich, als ein Inder und Swami Deva Werner die durchgebrannten Sicherungen mit Draht reparieren, dass ich meine langjährig gehütete McLight Taschenlampe in der Hektik verloren hast.
Am Nachmittag hat meine innere Stimme noch laut getönt:
"Schenk die Lampe Ma Bali!"
Doch ich war zu geizig, auf meine innere Stimme zu hören. Also verlierst ich die sie.
Mein Zittern, Mein Gespannt-Sein macht mich dunkel, wie die durchgebrannten Sicherungen zeigen. Schlaf sichert mich.
Anderntags letztes Tänzchen zur Ausklangs-Phase der Dynamischen, letztes Frühstück mit vier Tees. Körper und Seele dürsten.
Swami Chaitanya umarmt mich zum Abschied. Zollfreien Schnaps und rote Robe lasse ich ihm. Alte Hemden und alte Zeitungen kann er verwenden oder fortschmeißen. Er holt sich die Dinge aus dem Locker (Schließfach), das ich für ihn offen lasse.
Die Uhr läuft so erbarmungslos auf Deinen Flug zu, dass mein einziges "Mantra" mich beruhigen muss:
"Lass alle Suche, lass alles!"
Wenn jemand mein zitterndes Innere fühlen könnte, wäre er reif für Valium. In Mariam fällt vom 15 Meter hohen Baum ein schwerer, armdicker Ast neben die Ma aus der silent Group. Ich kenne sie aus meinem Locker-Space. Einmal hat sie sich sogar an meinen Tisch getraut. Da war ich in "Silence" - ohne Gruppe. Sie rührt sich kaum, obgleich uns alle das Getöse entsetzt hat.
Mit Ma Jivan Fulwarei gehe ich in meine letzte Krise unserer nie vollzogenen Ehe, als ich ihr mein Meditationskissen schenken willt.
Es war mein Kuschelkissen, mein Schreibtisch, ich habe es durch Discos und Restaurants geschleppt, habe nachts einen Bezug darum gewickelt, um darauf zu schlafen. Sie lächelt:
"Danke, ich habe keinen Bezug dafür."
"Ich hab' auch einen Bezug",
stammele ich, doch der Schlag saß gut und tief. Ich gehe rauf, lasse das Kissen auf den Boden fallen. Der Aufprall hallt durch das Haus. Auch wenn sie mich sprachlos macht, wehrlos bin ich nicht. Leider.
Der Nachmittag mit Ma Bali droht schon anderntags, ins Vergessen zu versinken. Wie wir uns göttlich-beschwingt vergnügten, zeigt der Ausklang:
"Das war mein letztes Verlangen, ein Mädchen aus Deiner Welt zu lieben."
Sie freut sich mit mir:
"Wirklich?"
beugt sich vor, sieht mir in die Augen und stellt einfach nur richtig:
"Du scherzt."
Oder so:
"Darf ich Dich etwas unschickliches fragen?"
"Das Alter? 28."
Punkt, aus, wissend, klar, weiblich, liebend. Das empfinde ich anders als Ma Garimo-Arup, von der ich mich verabschiede:
"Wann kommst Du wieder?"
Lachend scherze ich:
"Vielleicht diesmal schon in fünf Jahren,"
was sie in Domina-Gouvernanten Art Adrenalin sammeln und auf mich zu zischen läßt:
"Vielleicht überrascht Du Dich auch selber und kommst früher!"
Vielleicht überrascht ich sie ja zuvor, denke ich mir, wenn sie sich die Mühe macht nachzulesen, wie ich sie empfinde.
Und welche Antwort hätte ich mir gewünscht? Eine Lachende:
"Hetz' Dich nur nicht!"

Gepäck retour - noch immer zuviel

Die Prana-Heilerin Ma Veet Bhavita ist doch nicht zum Retreat gefahren.
"Ja, ich habe Beziehungsende und fühle mich nicht danach zu schweigen."
"Gut",
bekräftige ich ihre Entscheidung. Ich nehme einen Brief mit und ihre Frage:
"Warum hast Du 'gut' gesagt?"
"Weil ich Dir was Nettes sagen wollte. Aber Du bist eine tiefere Sucherin, du fragst nach. Du bist nicht mit Oberflächlichem zufrieden."
"Ich bin überhaupt nicht zufrieden."
Na, prima, drei Monate Dynamische, denke ich mir.
Ma Rachita versteht Dein Sprüchlein "Schule aus" nach längeren Erklärungen, grüßt noch Ma Deva Madira und nimmt noch meinen frommen Wunsch mit:
"Gute Geschäfte!"
Sie schaut ganz lieb und verständnisvoll zurück. Meine letzten Baderunden in Basho, meine letzte Mahlzeit in Prems, überall nehme ich Abschied. In Prems fällt es mir besonders schwer.
Denn für bescheidene Mark hofieren sie hier Dein Ego und liefern bei bestem Service vorzügliche Speisen. Wenn Du dabei noch glücklich bist, behandeln sie Dich als Ehrengast.
Wo wäre das anders?
Na gut, anderswo hofieren sie vielleicht nicht Dein Ego, bieten vielleicht auch keine Speisen, aber um irgendwelche Späße geht es doch immer. Und wenn es um den Spaß geht, sich selbst kennen zu lernen.
Du fliegst nur so durch den Ashram und gibst erst Ruh', wenn sich die hübschen, glatten Nasen rümpfen:
"Und außerdem hab' ich in der Lecture gut aufgepasst und mir gemerkt: 'enough is enough'."
Dass die Münchener Center-Disc-Jockey Ma Rushi sich sofort für die Idee begeistern lässt, in Bhagwans Samadhi Disco zu machen, hätte ich ihr gar nicht zugetraut.
Dorothea lernt noch meinen Vormieter Swami Suviro kennen. Ich kann mich noch bei Ma Sarita vom Plaza Buddha2Buddha-Gespräch bedanken, dass sie mir den Pass für den Basho Pond ausgestellt hat.
"Und, war es entspannend?!"
"Ja, ungeheuerlich",
und ihr grinst Euch an und habt Spaß daran, denkst Du Dir.
Ma Amiyo, die französische Tanzlehrerin, kommt in sechs Wochen auch nach München, um ihre Gruppe "sacred dance" zu verkaufen. Swami Surito freut sich über den freundlichen Abschied, es lacht die ganze Welt mit Dir - nur Ma Bali ist verschwunden.
Im Buchladen, wo sie von 11.00 bis 12.00 Uhr sein sollte, war sie nicht. Sie hatte frei heute. Wo sollst Du ihr das Armband geben? Sicher braucht sie weitere Taschentücher, um ihre Tränen zu trocken, denke ich. Irgendwo hängt in mir noch das Schuldgefühl, mich mit dem Mädchen eingelassen zu haben, "was ihre Kirschblütenzeit verkauft". Und ich habe nicht einmal angemessen bezahlt.
"Fünf Monate Dynamische!",
höre ich Bhagwans strafende Stimme im Innern meines guten Sannyas-Gewissens.
Eine Abschieds-Zeremonie für eine verstorbene, indische, recht prominente Ma füllt die ganze Buddha-Halle mit Musik und Tanz. Zwischen zwei Baderunden in Bashos-Pond verabschiede ich mich bei einem Tänzchen von Sharan und seiner Freundin.
So viele gute Menschen, die mit Dir auf dem Weg sind. Du jubelst im Innern, gibst Silberperlen an die Taiwanesin, dass Swami Deva Werner ganz erschreckt schaut, bis er sie auch in der Hand hat, die Pillen. Nur die Dame vom Bade-Kiosk will keine:
"Ich nehm' keine Pillen!"
"Das sind von Osho empfohlene, japanische Naturheilmittel gegen die Belastungen in Indien."
Sie lacht mich nur aus.
"Doch, doch, Osho habe ich sie loben hören, die Silberpillen."
Na, sie wird es auch noch rauskriegen. Schließlich ist sie das erste Mal da. Fünf, sechs Gruppen, vier Jahre Dynamische werden es schon richten.
"Frag' halt mal einen Swami mit guter Reputation."
Der Schweizer Swami Alok Ananta erinnert mich noch an meinen Doppelgänger von der Ranch. Der war mir so ähnlich, dass ich oft selbst nicht wusste, wer wer ist.
Er will mir Edelsteinketten verkaufen, weil er seit 5 Jahren in dem Geschäft sei und beste Preise bekäme. Ich habe bei Prems schon mal nach dem Preis für Smaragd-Ketten gefragt und meine gefalteten 200 DM aus dem Geld-Gürtel gefischt. 500 können bleiben für nächsten Winter.
Die 200 Mark für die Kette sind, das wird mir nach dem Kauf klar, zuviel. Für das Geld hätte ich eine dreifach geflochtene beim Prems-Händler bekommen. Ich habe meinen Biss für Geschäfte komplett verloren. Mein gutgläubiges, blauäugiges Vertrauen in die Existenz macht mich wehrlos.

Dafür erzählt Swami Alok Ananta von seinem Vater. Der war Lehrer und so ehrlich, dass er gebrauchte Telefonkarten zum Amt zurück brachte.
"Das muß ja dann ein wenig umschlagen",
entschuldigt er seine Gaunerei im Buddha-Feld.
"Ist schon o.k., meiner war auch Beamter,"
nicht einmal Ärger in mir kann ich mehr aufkochen, stelle ich enttäuscht fest.

Vier, fünf Stunden Bombay-Airport - Zeit vergeht im Flug

Decke, Kissen, Bezug, Mückenlampe, Kleiderbügel und Putzmittel hinterlasse ich Dorothea für ein Dankeschön. Es ist mir lieber so, als zu feilschen. Dann noch mit ihr, unmöglich! Ohnehin hat sie ihre Sachen schon selbst eingekauft. Nur wundere ich mich, dass sie mit mir feilscht, weil ich dem Taxifahrer 15 Rupees für die kurze Fahrt gibst, die nur 6 wert ist.

"Du verdirbst ja hier die Preise, wenn Du immer zuviel zahlst!"


Sicherlich ist dem Ashram-Betrieb mehr Recht einzuräumen, gut gewinnorientiert zu wirtschaften. Das versteht ja sogar mein einfaches, heidnisches Gemüt. Das höhere Recht der menschlichen Seinsveredelung zur ewigen Seeligkeit schon hienieden auf Erden darf nicht wenig kosten und schon gar nicht NICHTS. Und im Ashram bekommt es jeder im Laufe der Jahre, wenn Du nur nicht in morgendlicher Dynamischer, Gruppen-Arbeit oder zumindest freiwilliger Arbeitsleistung nachlässt.

Ich gebe meine Rupees eben lieber an Taxifahrer, Geschichten erzählende Sannyasins oder wunderbare Mädchen als an Therapeuten. Die stehlen mir neben Geld gleich noch Zeit - grob, gemein und unrecht gedacht.
Nur Ma Ashava hat bei der Ankunft mich für ihre Mitfahrt im Taxi nochmals 800 Rupees nachzahlen lassen, ohne dafür eine Geschichte zu liefern. Wahrscheinlich wird sie mich dafür in Tibetan Pulsing einweihen. Oder sollte ich ihr spirituelles Bafög gegeben haben? Denn ich habe von dem 16 Hunderter-Tarif  ihr13 gegeben.
Mein Reisegepäck hat sich gegenüber der Ankunft zwar etwas verkleinert, bleibt aber voll. Die Badehose hängt nass am Rucksack, als ich losfahre.
Die edle Dame Dorothea begleitet mich also zur Abfahrthaltestelle an der German Bakery. Gespräche mit bezaubernden Blondinen sind anstrengenden als Schriften.
"Ich les' gerad den Koran."
"Gut, lies die 4. Sure, die über die 'Weiber'."
Den Propheten Mohammed zu zitieren, habe ich seit den Frauenbewegten späten 68igern, frühen 70igern stets genossen. Leider entdeckt meine schlappe Suche nur wenig fromme Frauen mit vom Propheten empfohlener Bereitschaft. Jedenfalls verabschiedet sich Dorothea:
"Du hast 'nen Ding mit Frauen!"
Wohl war, doch meine Frage darauf hat sie zu beantworten keine Lust mehr - leider.
"Wer nicht?"
Sie hat viel Antwort - unter der Bluse und auch sonst.
Im Ashram spezialisierst ich mich auf schlaue Sprüche oder Schweigen. Das strengt weniger an, als schönen Frauen Suren aufzusagen. Frauen regen sich schneller auf als Männer. Warum über mich? Werde ich nie verstehen! Das scheint das "Ding" zu sein. Warum aber meins? Egal.
Meine innere Stimme, wenigstens Dorothea jetzt schnell noch für Ma Bali den Armreif aus der Weste mitzugeben, überhöre ich wieder bockig.
Schließlich wollte die Kleine zur German Bakery kommen, rede ich mich raus.
Der Rechner führt in der Tabelle meine Ausgaben mit, soweit ich Lust hatte, sie einzutragen. Weil mir das mit fortschreitender Meditation unwichtiger wurde, trage ich nach einem Monat einfach 2000 Rupees als Ausgleich ein. Schon stimmen Tabellenkalkulation und Geldscheine im Beutel wieder überein.
Wo das Geld geblieben ist? Ganz einfach: in Indien.
In meinen 40 Tagen habe ich 2100 Mark ausgegeben. 1000 Rupees schleppe ich heim. Du musst Dich schon sehr anstrengen, die speckigen Geldscheine in gesunde Verdauungsendprodukte umzusetzen. Und was soll den Menschen mehr noch kümmern als gute Verdauung?
Ich habe es also nicht ganz geschafft, mein Geld ganz zu verdauen. Aber was Du, den Sitten des Landes gemäß, hockend von Dir gabst, ging stets in gewohnter, guter, deutscher Qualität. Viele Indienreisende wünschen sich das Happy End.
Meine Reise-Endabrechnung im Taj -Restaurant, Bombay Airport, ist in kürzerer Zeit fertig als die mit dem Ashram. Denn dort musst Du mit Dir selbst abrechnen, ein Leben lang.
Deine solide, spirituelle Grundausbildung beglückt Dich in der geringen Wartezeit von zwei, drei, vier Stunden am Airport mit neuer Erkenntnis:
"still sitzen, nichts tun, und der Gummibaum wächst von allein."

Zu den 2100 Mark Ausgaben kommen noch die 1616 Mark für Flug, MVV (Münchener Verkehrsverein) einschließlich der Visagebühren. Damit kommst Du auf einen Tagessatz von knapp über 90 Mark. Darin sind für die Freundin daheim, hoffst Du, schon Ihr Aufwand für Blumenpflege durch Geschenke abgegolten.

Einmal in der Nacht hast Du den einzigen Regen gehört. Ein Nachteil bleibt in dem Teil von Indien: Um ordentlich zu frieren, mußt Du Dich schon lange in Bashos Pond legen.

39. Die Morgengabe vom Kuwait Airport