Das Märchen von Walross und seinen Freunden



Nachdenklich war Walross von der langen Rede der Quasselratte ins Meer zurückgekehrt. Ziemlich schweigsam war auch die Katze gewesen, die diesmal mit Heißhunger seinen Fisch verzehrt hatte. Obgleich ihr schwarzes Fell viel von dem schimmernden Sonnenglanz verloren hatte, und ihre weißen Pfoten ein wenig grau aussahen, konnte sich Walross an diesem hinreizenden Geschöpf nicht satt sehen.

Deswegen kam es anderntags gleich morgens mit einem dicken Fisch. Dem Erdferkel hatte Walross Seegras mitgebracht. Wie erstaunte aber unsere Schwabbelflosse, als am Ufer der Bär auf seinem Baumstamm saß. Es begrüßte ihn freudig:

"Hallo, Honigtatze, wie schön, dass Du Dich wieder einmal blicken lässt! Aber wieso bist Du denn so mager geworden? Dein Fell sieht ja fast schüttern aus, was ist denn los? Darf ich Dir den Fisch anbieten?"

"Danke",

brummte Meister Petz,

"Danke, meine Fische kann ich mir selber holen. Es sind wirklich schwere Zeiten! Soviel Regen, dazu noch so viel warmer Regen war ja noch nie! Längst müssten die Berge schneeweiß funkeln. Doch es schüttet ja unaufhörlich. Der Fluss ist immer höher gestiegen."

"Auch bei Dir?"

fragte das Erdferkel. Es war von der Böschung an den Strand gehoppelt und hatte sich gleich auf die Walrossflosse gekuschelt.

"Ja, klar doch, wenn der Fluss bei mir oben steigt, dann auch hier unten, oder?"

brummte der Bär missmutig,

"aber das Schlimmste ist: es ist Wasser in meine Winterhöhle gelaufen."

"Auch bei Dir?"

piepste das Streifenblondchen wiederum, was dem Braunbrummer aber auch keine freudigere Stimme machte:

"Ja, ich musste mit allem umziehen, wobei mir das Meiste viel zu nass geworden war."

"Bei Dir auch?"

strengte sich Streifenblondchen gewaltig an, seine Frage zu ändern.

"Sag' mal, Walross",

brummte der Braune schon ziemlich ärgerlich von seinem Baumstumpf herab,

"sag' mal, mit Euch beiden geht es wohl überhaupt nicht weiter, oder?"

"Doch, doch,"

piepste das Erdferkel,

"heute hat es Seegras mitgebracht. Wenn das noch trocken wird, wird meine Höhle damit schön weich gepolstert."

"Seegras, Höhle, Polster",

höhnte es brummig vom Baumstumpf,

"wie geht es spirituell, geistig, meditativ? Befreit ihr euch und Energie?"

Bei diesen Worten war die Möwe eingeschwebt, die sich in respektvoller Entfernung vom Braunen niederließ. Aber sie hatte genug aufgeschnappt, um den Bären passend zu kommentieren:

"Krah, krah: Bei dem Wabbel ist doch Hopfen und Malz verloren. Wundert mich nur, wieso der immer so fett bleibt, wo er doch offensichtlich auf einer Brennsupp'n dahergeschwommen kommt, krah, krah. Aber wieso bist Du denn so mager vor dem Winter?"

"Ach, furchtbares Jahres: viel zu viel Regen, kein Schnee in den Bergen, meine Höhle vollgelaufen, Umzug, ..."

"Bei Dir auch?"

quiekte es dazwischen, was der Alte diesmal überhörte,

"wie soll ich bei der Hetze noch ruhig meditieren? Kaum, dass ich mir genug Fische schnappe. Doch ich fühle schon viel mehr befreite Energie und Verständnis."

"Bei mir auch!"

warf das Walross ein, zog den Kopf etwas hoch, die Zähne aus dem Sand dabei, und war selbst überrascht, das ihm das eingefallen war. Das Erdferkel auf seiner Pfote klopfte anerkennend mit ihrer auf seine, ein Geheimzeichen der Beiden.

"Krah, Krah, seitdem der Speckkloß auf dem Baumstumpf meditiert hat, macht er große Sprüche! Und wer hat ihn raufgebracht? Häh!?"

"Was, Kloß, Du warst auf dem Baum? Das wollte ich doch von Dir, als ich Dich nach Honig fragte. Du sollst doch auch einmal in Deine befreite, meditative Energie kommen!"

Mittlerweile war die immer noch recht struppige Katze eingelaufen, die sich des Fisches im Sand mit genüsslicher Ruhe annahm.

"Krah, krah, da fehlt Euch beiden aber noch einiges, wenn nicht alles!"

ließ sich der Weißkittel vernehmen, der sich bald schwarz ärgerte, dass immer die Katze Fisch bekam, er nie.

"Wie meinst Du denn das?"

schaukelte sich der Bär, der anfing, den Überblick zu verlieren.

"Ihr Geheimnis,"

meinte das Walross, worauf das Erdferkel wieder seine Pfote klopfte.

Die Katze hatte erst mal genug Fisch gefuttert, und begann, die linke Vorderpfote zu putzen. Dabei hörten alle, weil sie etwas leiser atmen, mit zunehmendem Erstaunen ihr sanftes Maunzen:

"Das Wichtigste ist doch die Schönheit, Schönheit, Würde und Anstand. Ja. Meine Mutter hat noch bei den Zweibeiner gelebt. Da gab es Friedensfischfeste, Vogel-platt-Platten und Salate, speziell für Katzen mit Kartoffeln!"

Sie leckte sich sichtlich erregt mit roten Zunge über die weiße Pfote:

"Und dann gab es noch einmal in der Woche Unterricht in der Scham-Schule bei den erfahrensten Katzen!"

"In der Schule war ich nie besonders."

meinte das Erdferkel, was niemanden verwunderte. Und die Katze fuhr fort:

"Ja, in der Scham-Schule haben wir gelernt, wie wir die Zweibeiner ansehen müssen"

und sie neigt leicht den Kopf, derweil sie den Rücken streckt,

"um gutes Futter zu bekommen."

Dem Walross dämmerte, dass sie vielleicht Tricks kannte, dass sie ihm so gut gefiel, denn es hatte seinen hellen Tag heute. Ohne sich ein Zweibeintier recht vorstellen zu können, fiel ihm dennoch die schlaue Frage ein:

"Gefiel es Dir denn bei den Zweibeintieren nicht mehr?"

Die Möwe hatte den Kopf vollends schief ins Gefieder gesteckt und krähte ärgerlich, weil sie nicht an den Fisch kam:

"Krah, krah, das gierige Vieh meint Charme-Schule!"

Die Katze überhörte den Satz mit gespieltem Stolz, und freute sich, weiter zu erzählen. Denn alle hörten ihr zu:

"Nein, die Zweibeintiere haben zwar besseres Futter als hier in der Wildnis, haben auch bessere Manieren als die Möwe, aber sie haben mir meine ersten Jungen ersäuft. Meine liebsten ersten, drei Kinder, alle haben sie ersäuft!"

"Was? Wie die Raaaa..."

konnte das Walross seine Frage gerade noch abbrechen, weil ihm das Erdferkel in die Flosse biss. Die Katze hatte nichts gemerkt, doch die Möwe reckte den Hals und spannte die Federn.

"Ja, das Schlimmste sind junge Zweibeintiere! Sie haben meiner Mutter eine Konservendose an den Schwanz gebunden. Und in die Dose haben sie Feuerzünder getan. Als die noch losknallten, bin ich in diese Wildnis gelaufen. Aber hier wird es auch unerträglich. Soviel Regen, Regen, Regen, wie soll ich mir da denn Futter holen? Das Wetter stimmt nicht."

Dabei sah die Katze traurig in den grauen Himmel über dem Meer und zeigt mit der weißgeleckten Pfote hinaus. Das Walross fand ihre Geste so hinreizend, dass ihm wieder Seiber den Stoßzahn hinunter lief. Was 'Dosen' und 'Feuerzünder' waren, konnte sich keiner recht vorstellen, es fragte aber auch niemand danach.

Traumhaft genoss die Katze die Aufmerksamkeit aller und die bewundernden Blicke aus den speckumrandeten Walrossaugen. Das nutzte die Möwe, um im schnellen Sprung und Flug, den Fisch mit der Pranke fortzureißen, und auf einen Sturm zersausten, nahen Baum zu entflüchten.

"Bei Dir auch nicht?"

säuselte das Streifenblondchen. Die Katze war stocksauer über den Diebstahl und fauchte:

"Was? Bei Dir auch nicht!"

Das Walross hob unmerklich die Flosse, auf der das Erdferkel kuschelte, weshalb es sich verschüchtert zu erklären traute:

"Bei Dir stimmt das Wetter auch nicht?"

Der Bär kratzte sich auf dem Stamm mit der rechten Pfote am rechten Ohr und brummte nachdenklich:

"Erdferkel, Erdferkel, Du gibst mir zu denken."

Die Möwe schmiss die restlichen Gräten achtlos vom Baum, flog wieder neben die Seite des Bären und schimpfte:

"Krah, krah! Unsere Brutbänke stehen komplett unter Wasser. Das hat es doch noch nie gegeben. Zwar brütet keiner jetzt in der Kälte, aber komisch... Wisst ihr, wer was weiß?"

"Die Raaaa....",

traute sich das Erdferkel nicht, das Wort auszusprechen, um die Katze nicht gegen sich aufzubringen. Doch die Möwe setzte mit stolzgeschwellter Federbrust fort:

"Krah, krah, die Ratte!"

Das Walross sah sofort, wie sich die Nackenhaare der Katze sträubten. Beruhigend begann es zu brummen. Das Erdferkel genoss das Kitzeln. Die Katze zog eine Schnute, doch begann, das Rückenfell zu putzen. Ein gutes Zeichen.

"Ja, das ist die Idee!",

trollte sich der Bär von seinem Baumstamm. Er tappte an die Uferhöhle und brummte:

"Ratte, Ratte,"

die Möwe fiel ein:

"Krah-Ratte, Krah-Ratte,"

da quiekte das Erdferkel mit dem Walrossgebrumm dazu:

"Quiek-Ratte, Ra-Ratte, Ra-Ratte!"

Und wirklich! Die freche Wasserratte lief auf den Bären zu. Dieser streckte seine Pranke mit eingezogenen Krallen entgegen. Furchtlos rannte die Ratte die Bärenpfote hinauf bis auf seine Schulter.

So tappten die Beiden zurück in die Runde, und der Bär brummte stolz:

"Wer seine meditative, befreite Energie lebt, dem vertrauen alle."

"Hihihi, besonders Deine Speisefische!"

warf die Wasserratte als erste, frech dreiste Bemerkung in die Runde.

Nur die Katze hatte sich etwas abseits getrollt und sah auf das Meer hinaus. Es war gut, dass keiner ihr Gesicht sah. Denn das hatte sie sicher nicht in der Charme-Schule gelernt.

Walross, Dienstag, 19.12.00

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