Das Märchen, das die Wasserratte dem Walross erzählt


Walross und Wasserratte hatten stundenlang Wasserrollen gespielt. Hungrig und müde war das Walross ins Meer geschwommen. Es war kein guter Abend für viele Muscheln und Fische dort, wo der Fluss breit sein Wasser im Meer vermischt, und sich Wassergetier in Unzahl tummelt. Denn für viele Fische und Muscheln war es der letzte Tag, weil das Walross doppelt so viel Hunger hatte wie sonst.

Erst schlief es etwas, während es im Wasser trieb, später auf seiner Sandbank. Wilde Regenwolken peitschten durch die mondlose Nacht. Schon lange hatte Walross keinen Stern mehr gesehen. Es träumte von der Möwe, die auf einem Baumstamm saß. Unter dem Stamm saßen alle Landtiere, die es kannte: Bär, Erdferkel, Katze, Maus, Wasserratte, selbst Bienen hingen in Waben am Stamm. Die Möwe krähte im Walrosstraum vor allen Tiere eine lange, lange Geschichte. Das Walross träumte schwer, schlief unruhig. Es hatte sich wieder einmal sinnlos überfressen.

Als es anderntags schwer an Land stapfte, hatte es einen besonders dicken Fisch im Maul. Es sehnte sich sehr nach seinem Erdferkel, dem es noch nie etwas mitgebracht hatte. Deshalb rupfte es ein Büschel Seetang, war sich aber nicht sicher, ob das ein passendes Geschenk war.

Die dicke Wasserratte kam auch sogleich aus irgendeinem Uferloch herangeschossen und feixte:

"Vergiss die Katze bei dem Wetter, gib mir den Fisch! Was hast Du denn für ein Gemüse dabei? Das schmeckt ja kaum 'ner Ratte."

Das Walross freute sich über die Gesellschaft. Es wunderte sich, wie schnell sich das Schlängelschwanztier die besten Fischstücke rausriss und verschlang. Dabei fing es schon wieder an zu plaudern:

"Ratten kennen nur zwei Götter: Futter und Freunde. Je mehr, umso besser, je fetter, umso satter."

"Ja, das war auch meine Welt in der Herde, mein Paradies. Seitdem ich alleine in meine Welt gehe, hat sich alles geändert."

Während die Ratte schmatzte, konnte das Walross seinen Traum kaum zu Ende erzählen. Schon schnatterte das Schmatztier dazwischen:

"So, so, die Möwe will sich wichtig machen. So ein blödes Krächztier! Das sieht zwar alles von oben, blickt aber doch nicht durch. Nur wir Ratten verstehen alles, weil wir die Gedanken lesen. Dazu kann ich mich in meine Höhle setzen, wenn ich satt bin. Dann erzählt mir der uralte Rattengott, was ich wissen will. Der Rattengott weiß, was es auf der Erde je gegeben hat, von Anbeginn aller Rattenzeiten, von allen Winkeln, wo Ratten leben. Und das sind mehr, als selbst die Möwe träumen kann."

"Erdferkel! Erdferkel!",

rief das Walross dazwischen, weil es hinten im Gras einen gelben Streifen gesehen hatte.

"Kann ruhig kommen, der Gelbstreifenkriecher."

knurrte die Ratte dem Hoppler entgegen. Die Wiedersehensfreude der beiden war riesig. Auch vor dem Specktier Schlängelschwanz verbeugte sich das Erdferkel artig, dass es mit wieselflinken, schwarzen Knopfaugen anzischte:

"Na, wieder zu nah am Fluss gebaut, hehehe?"

"Tja, wer konnte das denn ahnen, dass soviel Wasser kommt,"

meinte das Erdferkel etwas verlegen.

"Hehehe, niemand, natürlich niemand, und am allerwenigstens Du! Das kommt, weil Du ein bisschen blond bist, hehehe, nicht wahr?"

Beruhigend brummte das Walross:

"Na, so tropfnass und strähnig im Regen sieht es uns doch auch ein wenig ähnlich, oder?"

"Schleimiger Fettkloß, pass' auf, dass Du nicht ins Wasser rutscht auf Deinem Schleim! Und Dir wollte ich schon Geschichten vom uralten Rattengott erzählen, Perlen vor das Walross!",

"sei' doch nicht gleich beleidigt!",

"ja, bitte erzähl' uns doch etwas!"

beruhigten die beiden Freunde die Quasselratte. Geschmeichelt strich sie sich mit den Vorderpfoten das Fischfett vom spitzen Maul:

"Weil wir Ratten nun alles wissen von Gestern, wissen wir auch viel vom Heute und manches vom Morgen. Und daher weiß ich ganz gewiss: Die schlimmste Seuche auf Erden sind die Zweibeinertiere."

"So schlimm ist die Möwe doch auch nicht!",

meinte das Walross treuherzig. Und wie gerufen, stieß diese aus großer Höhe auf den angenagten Fisch, krallte die Beute, und segelte mit ein paar kräftigen Flugstößen damit auf den Baumstumpf.

"Die Möwe, die Möwe, Du Dickdoofdummchen,"

ärgerte sich die Ratte, dass ihr Fisch fort war,

"die Möwe ist doch kein Zweibeinertier!"

"Der Bär denn, wenn er sich den Baum hochreckt?"

fragte das Walross ungläubig. Das Erdferkel hatte sich auf die rechte Flosse gekuschelt, sagte nichts, war nur froh, wieder bei seinem Freund zu sein, und nagte gedankenverloren Seetang.

"Walross, wenn Du dauernd dazwischen quatscht, kannst Du Dir Deine Geschichten alleine erzählen, hörst Du?"

Betreten senkte das Beschimpfte den Kopf, dass sich die Zähne in den nassen Sand bohrten.

"Also Zweibeinertiere sind die schlimmste Seuche. Sie sind anfangs ganz nackt, blind. Und sie bleiben immer so nackt, von ein paar lächerlichen Zotteln hier und da einmal abgesehen. Es gibt sie in rot, gelb, weiß, braun und schwarz. Grün werden sie, wenn jemand ein jüngeres Weibchen hat, rot laufen sie an, wenn jemand ihr Weibchen ansieht. Aber immer bleiben sie nackt."

Das Walross wollte gerade das Maul aufklappen, aber die Ratte sah es so scharf an, dass es schnell wieder zuklappte und die Augenlider senkte.

"Und weil es ihnen dann kalt ist, ziehen sie jedem andern Tier, egal ob es fliegt, kriecht, läuft oder schwimmt das Fell ab, und sich an, um nicht nackt zu frieren."

Das Walross staunte ehrfurchtsvoll, weil es genau danach fragen wollte. Weil das Quasseltier so seine Erwartungen erfüllte, fing es leicht an zu brummen, was das Erdferkel auf seiner Flosse glückselig im Bauchfell kitzelte.

"Das Fell ziehen sie den Schlangen, den Bären, den Kühen, den Löwen, den Hunden ab, Walrösser schälen sie aus ihrem Speck, Möwenfedern stecken sie sich an den Hut, und Katzenfelle stecken sie sich dahin, wo sie es am wärmsten haben wollen."

Dem Walross schauerte. Die meisten dieser Tiere waren ihm zwar fremd, aber ein geschältes Walross erinnerte ihn an eine geknackte Muschel. Da hörte es auf zu Brummen. Doch das Erdferkel schabte an seiner Flosse, da fing es wieder an.

"Katzenfelle mögen ja noch angehen für die Zweibeinertiere, die zudem alles fressen, was sie unter dem Fell rausschaben oder aus dem Speck schälen. Dazu leben sie in so unvorstellbar großen Herden, dass sie im eigenen Dreck ersticken.

Dabei glauben die Zweibeinertiere immer das, was zu ihrer Farbe gerade passt. In einem Land, glauben sie, dass Kühe ihre Götter seien. Also fressen sie keine Kühe. Dabei müssen die Kühe nur ihren Grünmüll fressen, bis sie daran sterben. Wir Ratten fressen dann die Kühe, weil wir alles fressen. Die Katzen fressen lahme Ratten. Wenn Katzen sterben, fressen wir sie wieder. Aber die Zweibeinertiere fressen noch schlimmer als Ratten.

Die Gelbgesichter haben sogar Reis-Ratten. Sie haben uns eingesperrt und gut gefüttert. Sie gaben uns die schönsten Rättinnen, die laufend Rattenjungen warfen. Ganz jung nahmen sie uns diese blinde, beste Brut fort und lassen sie über ihre Festtagstische tappen. Sie nennen dies Fressen 'Drei-Quiek`."

"Quiek, quiek, quiek",

warf das Erdferkel zutiefst erschrocken ein.

"Ach, das Streifenblonddummchen quakt auch noch dazwischen",

fuhr die Ratte es böse an,

"Und die Zweibeinertiere packen unsere blinde Rattenbrut mit zwei Stäbchen im Genick. Erstes Quiek. Dann heben sie das Kleine hoch und tunken es in eine feuerscharfe Soße. Zweites Quiek. Und dann beißen sie dem zappelnden, blinden Rattenkind das Genick durch. Drittes und letztes Quiek."

"So ein Quatsch!",

krähte die Möwe vom Baum herab, die sich den Fisch hatte schmecken lassen.

"Halt Du den Schnabel! Wir Ratten sind bislang die Einzigen, die der Zweibeinerseuche entgegen treten!"

"Krah, krah, und wie, Du Maulheld?"

"Wir Ratten kennen ganz, ganz kleine Tiere. Flöhe. Die beißen aus unserm Fell Blut. Das juckt ein bisschen, aber nicht schlimm. Ratten fressen alles. Wir sind klein, gemein und hässlich. Die Zweibeinertiere verabscheuen selbst unser Fell zum Wärmen. Sie fressen nur weiße Reis-Ratten aus ihren Mastgefängnissen. Aber die besten Ratten sind unsere schwarzen Kanalratten. Sie können in Löchern wohnen, in die sich keine Katze traut. Sie können alles fressen, aber auch alles. In ihrem Blut haben sich so kleine Tiere angesiedelt, dass sie kein Auge mehr sehen kann. Aber es gibt sie. Die Zweibeinertiere nennen diese unsere Freunde Parasiten. Die Flöhe tanken unser Blut mit diesen Parasiten. Dann springen die Flöhe zu den Hunden, das sind Zweibeinerfreunde wie die Katzen, hihihi. Die haben sich den Zweibeinern für Futter verkauft.

Die Zweibeiner, die vor größeren Zweibeinertieren gerne auf dem Bauch rumrutschen und kuschen, halten sich zum Ausgleich Hunde, die wieder vor ihnen kuschen. Und die Zweibeinertiere, die meinen, nicht kuschen zu wollen, halten sich Katzen. Dabei kuschen sie alle."

"Krah, krah, so ein Quatsch! Bist wohl Rattenphilosoph geworden, hahaha!"

krächzte die Möwe vom Baum.

"Bitte, was machen die Margariten?"

wollte das Erdferkel wissen.

"Parasiten, Streifenblondchen, Parasiten. Die Flöhe haben das Blut der schwarzen Kanalratten mit den Parasiten im Bauch, springen auf die Hunde, und die Zweibeinertiere streicheln gerade die gerne, die kuschen oder kuscheln. Ganz wie das Walross, vermutlich. Die Flöhe springen dann von den Hunden auf die Menschen, wobei sie sich in den deren toten Kleider-Fellen gut festhalten können. Abends schälen sich dann die Zweibeinertiere aus den Fellen, und legen sich unter andere Felle, meist Bärenfelle. Und dann beißen die Flöhe in die nackte Zweibeinerhaut. Die Parasiten kriechen dann in das Zweibeinerblut. Hahahaha! Und wisst ihr, was passiert?"

"Nichts gutes, vermute ich, wenn ich Dich lachen höre",

brummte das Walross verdrießlich.

"Doch! Das Beste, Du Speckdummchen! Warte nur bis sie dich schälen kommen, hahahaha! Die Zweibeinertiere bekommen schwarze Beulen, hahaha, und nach drei Tagen sind sie tot. Und wer sie nur anfasst, bekommt auch schwarze Beulen, weil die Parasiten überall sind und unsichtbar dazu. Die Freude, Katzenjungen in der Pfütze zu ersäufen, ist nichts dagegen! Ihr solltet mal sehen, wie diese Zweibeiner schlotternd vor Angst sich unter ihre Bärenfelle verkriechen, langsam gelb, grün, schwarz und blau werden, hahaha. Und aus die Maus! Mausetot! Hahaha! Die sind blöder als Katzen, die Zweibeinertiere! Sie kriegen die Pest, und uns wünschen sie die Pest an den Hals. Hihihi!"

"Krah, krah, krah, genau! Unter das Fell von dem Bären legen sich Zweibeinertiere zum Sterben, unter das Fell, das Euch die Quasselratte aufgebunden hat, krah, krah, krah",

und flog mit majestätischen Schwingen in die Lüfte.

"Verdammt,"

sah ihr die Ratte nach,

"verdammt der Regen hört auf. Ich muss schnell verschwinden."

Und wieselflink lief sie zur Flussecke, um in ihr Loch zu huschen. Verdutzt und überrascht sahen sich das Erdferkel und das Walross recht verliebt an, obwohl ihnen die Geschichte das Nackenfell gesträubt hatte. Und wirklich, da kam die Katze mit dem mürrischsten Gesicht aller Zeiten. Sie sah erbärmlich aus, klapperdünn. Das schwarze Fell hing nass herab.

"Du bist wirklich nicht stärker als ich,"

meinte das Erdferkel ganz gerührt. Die Katze machte weder Miez noch Miau. Sie stellte sich nur vor das Walross, hielt den Kopf schief zur Seite und blinzelte es mit grünen Augen unergründlich an.

"Du, liebe Katze, ich hole Dir gleich einen Fisch. Den andern haben die Freunde schon geteilt."

Das Walross drehte sich in Richtung Wasser ab und sah gerade noch, wie sich die nassen Nackenhaare der Katze aufsträubten.

"Komisch",

dachte es sich,

"was sie nur wieder hat?"

War aber so schnell wie nie mit einem Fisch wieder da.

Walross, Montag, 18.12.00