Das Märchen vom Walross und der Wasserratte


Als es Winter wurde an den Küsten Kanadas, regnete es ununterbrochen. Der Fluss stieg unaufhaltsam. Das Walross tappte im Regen besonders froh an den Strand, weil das sein Lieblingswetter war. Es brachte seinen Fisch mit. Doch niemand war da. Kein Erdferkel, keine Katze, und der Bär schon lange nicht mehr.

Da legte das Walross den Fisch in den Sand und sah, wie die Regentropfen kleine Krater in den Sand schlugen. Sanft massierte das Geprassel seinen Speck, was wohlig war. Nur seine Freunde fehlten. Stundenlang saß es da und wartete.

Tag für Tag ging es so, Regen, Regen, Regen. Walross brachte immer seinen Fisch, legte ihn in den Sand. Es waren auch stets große Stücke fortgefressen. Traurig dachte es, wenn die Katze sich immer Fisch holt, könnte sie ja ruhig auch mal 'Guten Tag' sagen. Aber, wie gesagt, Walrösser sind unendlich geduldig, auch wenn sie traurig sind. Vielleicht gerade dann.

Als es wieder an Land kam, hatte es noch den Fisch im Maul, als ein wieselflinkes, graues, speckglattes Tier ganz unverdrossen auf es zugerannt kam, sich gleich auf seine linke Vorderflosse stellte, auf die Hinterbeine stellte, und sich mit den Vorderpfoten an seinem linken Stoßzahn festhielt.

"Na, das ist wohl der Griff zum Wegschmeißen, was?"

raunzte das wieselflinke, graue Specktier gleich unverfroren los. Nun sind Walrösser auf ihre Stoßzähne unendlich stolz, pflegen diese ihr Leben lang und sie wachsen und wachsen. Nur ihren Bart mögen sie vielleicht noch mehr.

Dem Walross fiel erst mal der Fisch aus dem Maul, platsch, gerade neben das kleine Grautier mit einem Schwanz so lang wie es selber und funkelnden Augen, wie kleine, schwarze Knöpfe.

"Griff zum waaas?",

dehnte unser Speckfreund ungläubig sein Fragewort.

"Griff zum Wegschmeißen, rüttelte der kleine Graubruder nochmals am Weißzahn, ließ dann aber los, und stürzte sich gleich auf den Fisch. Während des Schmatzens hörte das große Tier:

"Na, das Schlauste scheinst Du mir nicht zu sein, heißt doch die älteste Rattenweisheit: 'Selber fressen macht fett'! Aber ganz so dumm bist du denn wohl ja auch nicht bei Deinem Wabbel, hihihi!"

Das Walross klappte die Wasserschutzdeckel ein paar mal über seine Lauscher, weil es nicht glauben konnte, wie ein so kleines Tier so unglaublich frech sein konnte. Es murmelte in den Bart:

"Rateweisheit?"

"Ratte, Ratte, Du Döspaddel, da gibt es nichts zu raten. Ich bin die fette Wasserratte mit aller alten Rattenweisheit. Und Du bist der mit den Griffen zum Wegschmeißen, oder, hihihi?"

Dabei fraß das kleine Tier mit dem langen Schwanz, der sich über die Walrossflosse zutraulich schlängelte, vom Fisch, der doch für die Katze gedacht war. In der unendlichen Walrossgeduld flog das ziemlich seltene Gefühl von Ärger an, und es räusperte sich ernsthaft:

"Nein, schönes Tier, das sind die Weißstoßzähne vom Walross, von mir nämlich",

und hob die Vorderflosse, dass der Rattenschwanz in die Luft flog. Diese hatte wohl zum ersten genug Fisch gegiert, schoss herum und blickte zielgerade hinauf:

"Brauchst Dich doch nicht aufblasen, bist Du nicht Kloß genug? Außerdem sehe ich ohnehin Deine Gedanken. Und schön brauchst Du mich auch nicht anschmieren. Das bin ich genauso wenig wie Du, hihihi!"

"Was, Du weißt, was ich denke?"

Das Walross schüttelte ungläubig den Kopf:

"Hä! Was denke ich denn?"

"Du denkst: 'Das gibt's doch nicht!'"

"Stimmt,"

meinte das Walross betroffen und zog die Stirn in Falten und blinzelte:

"Und jetzt? Was denk' ich jetzt?"

" - Das kann doch wohl nicht wahr sein -, denkst Du jetzt",

kam wie aus der Pistole geschossen zurück.

Das Walross legte den Kopf schief, wie es ihm bei der Katze immer so gut gefallen hatte, wenn sie ihn angemaunzt hatte, und fragte ziemlich leise:

"Was nun?"

Die Ratte lachte nur:

" - Die will mich wohl verspotten -, denkst Du."

Das Walross konnte es fast nicht glauben, dass dieses kleine Schlängelschwanztier so in ihn hineinsehen konnte. Innerlich begann es daher zum Kleinen hinaufzublicken. So fragte es voll Respekt:

"Und warum lachst Du so?"

"Weil Dein Hals, wenn Du den Kopf so schief hälst, auf einer Seite viele Speckfalten wirft, zum Wegschmeißen, hihihi!"

Das Walross fühlte wieder Ärger kommen, reckte sich gerade, stützte beide Zähne auf den Sand, die gleich langsam einsackten, schob eine Unterlippe vor, die Mundwinkel runter, und bekam traurige Augen. Ungefragt feixte das Kleintier:

"- Heut' mach'ich auch alles verkehrt -, denkst Du jetzt, aber das ist schon in Ordnung, wenn Du so blöd guckst wie 'ne Katze, dann bist du selber schuld."

Das Walross schüttelte die Ohren im Kreis, so schnell, dass ein paar Wassertropfen herausflogen. Es hatte doch kein Wort von der Katze erzählt. Es lief ihm ein Gänseschauer über den Speck. Das Kleintier schien ja allwissend zu sein. Auf jeden Fall war alle Trauer wie weggeblasen, dass es seine Freunde so lange nicht mehr gesehen hatte. Das einsame Walross hatte sich sogar schon wieder nach der Herde gesehnt. Aber dies Abenteuer war ja nun unerhört.

"Rattenweisheit",

murmelte es also fast andächtig,

"Deine Rattenweisheit verdient schon alle Achtung. Ich habe wirklich eine Katzenfreundin."

"Was?!"

sprang die Ratte fast wie die Möwe in die Höhe,

"igitt, eine Katze zum Freund! Aber schon gut, Walrösser haben eben ihre eigene Art. Hast Du denn keine richtigen Freunde?"

"Doch, noch ein Erdferkel, aber was ist verkehrt mit einer Katze?"

"Hihihi, ein Erdferkel und eine Katze, so eine blöde Gesellschaft aber auch, das passt doch überhaupt nicht zu dir! Hör' zu, ich erzähl' Dir was."

Das hätte die Ratte sich sparen können, denn das Walross hatte ja gerade die Herde verlassen, um zu lernen, was es für Wunder auf der Erde gab. Es stützte sich aufmerksam und gerade auf seine Zähne, die langsam in den Sand einsanken, und fragte:

"Weißt Du, wo meine Freunde sind?"

"Klar, Du weißt doch, dass ich Gedanken lesen kann."

"Auch von jemandem, der nicht da ist?"

entfuhr es ihm ungläubig.

"Von jedem, und wenn ich etwas nicht weiß, frage ich die Gedanken vom uralten Rattengott, der weiß alles. Doch das ist eine andere Geschichte. Jetzt hör' zu und quatsch nicht immer dazwischen! Also:

Das Erdferkel geht ja noch als Freund, obgleich es ziemlich blöd ist, was ja wohl gut zu Dir passt. Es hat seinen Bau wieder mal zu nah an den Fluß gebaut. Jetzt, wo das Wasser steigt, muss es wieder umziehen, alle Vorräte rumtragen, deswegen kann es nicht am Strand mit Dir die Zeit vertun. Aber die Katze ist mein Todfeind. Doch wenn es so regnet, hungert sie lieber in einer Baumhöhle, als sich ihre eitlen Pfoten schmutzig und nass zu machen. So blöd sind nur Katzen!"

"Aber schön sehen sie doch aus mit ihrem weichen Fell, oder?"

konnte sich das Walross nicht verkneifen.

"Ach was! 'Bei Nacht sind alle Katzen grau', sagt uns Rattenweisheit. Schön, wer findet uns schön, Speckkloß, hä? Ich bin klein, häßlich und gemein. Du bist groß, fett und lieb, aber schön? Dich mag die Katze vielleicht, weil Du ihr Fische bringst. Das machst Du übrigens gut. Aber hat sie Dir schon mal was mitgebracht?"

Das Walross richtete sich nachdenklich auf, dass es die Zähne aus dem Sand zog, und erinnerte sich:

"Ja, eine Maus, aber schon eine ziemlich tote."

"Dass ich nicht lache! Eine Maus für ein Walross! Hat sie Dir wenigstens geschmeckt? Hihihi!"

"Ach, ich brauche es Dir doch nicht sagen, wenn Du meine Gedanken ohnehin lesen kannst,"

erwiderte etwas blasiert das Großtier.

"Die meinen, die Schlausten und Schönsten zu sein, diese Katzen, aber das stimmt nicht. Wir Ratten sind die Schlausten, wenngleich auch klein, gemein und hässlich. Mit meinen beiden Brüdern haben wir ihr einmal alle neugeborenen Kinder geklaut, husch, husch, sind wir zu ihrem Nest, als sie Mäuse pirschte, haben jeder eines ins Maul gegriffen. Und sind weg wie der Wind!"

Das Walross schüttelte sich ein wenig, soweit es sich mit seinen Zähnen im Sand bewegen konnte, und fragte ungläubig:

"Ja, und wozu? Was habt ihr getan mit den Winzlingen?"

"Hehehehe"

lachte die Ratte so böse, dass dem Großtier Schauer über den Rücken liefen,

"wir haben sie alle in einer Pfütze ersäuft! Du hättest mal die Alte sehen sollen! Wie wahnsinnig ist sie an ihrem Nest immer hinter ihrem Schwanz hergerannt. Zum Schluss ist sie wie irrsinnig vor einen Baumstumpf gerannt und wie betäubt liegen geblieben. War das eine Freude! Aus meinem Loch habe ich alles gesehen!"

"Und wo sind Deine Brüder jetzt,"

fragte das Walross, dem die Geschichte sichtlich unbehaglich war.

"Ach, das ist traurig, eine traurige Sache."

"Komm', nun erzähl' schon, ich kann nicht in Deinem Kopf die Gedanken sehen wie Du in meinem, Du musst es mir schon erzählen."

"Ja, Schwabbelross, wir Ratten sind zwar die Schlausten. Aber niemand mag uns. Wir sind klein, hässlich und gemein und fressen alles, aber auch alles."

"Auch Walrösser?"

gluckerte dieses ungläubig.

"Ja, wenn Du tot bist, und hier liegst, auch Dich. Aber weil uns keiner mag, haben meine Brüder immer gerne die Schnapsäpfel gegessen."

"Äpfel, Schnaps? Was ist das denn schon wieder?"

"Du siehst die Bäume? Die holen aus dem Boden Wasser, von der Sonne das Licht, und machen daraus runde, rote, süße Fruchtwasserfleischbälle. Wenn die im Herbst runter fallen, schrumpeln sie am Boden und schimmeln. Sie schmecken dann ganz scharf. Ich habe die Brüder immer gewarnt, weil dann ihr Fell zuerst schuppig wird, dann die Beine nicht mehr gerade gehen, und zum Schluss holt Euch die Katz'! Ich habe es ihnen immer wieder gesagt, und so ist es gekommen."

"Aber Ratten sind doch die Schlausten, sagst Du, warum waren Deine Brüder denn so dumm?"

"Tja, Walross, wenn einen keiner lieb hat, weil wir so hässlich, klein und gemein sind, dann muss man sich selber lieb haben. Das ist nicht so einfach. Da haben sie langsam mit Schnapsäpfeln angefangen. Zum Schluss: die Katz'! Das blöde Vieh!"

"Ja, manchmal kommt man wirklich auf komische Gedanken. Letzte Zeit ging mir das auch so, wo ich hier immer alleine saß."

"Wir brauchen einfach Spaß zum Leben, dann haben wir uns lieb. Komm, wir machen Wasserrollen!"

"Was?"

Die Frage hörte die Wasserratte schon gar nicht mehr. Sie stürzte sich in die Wellen, ganz tief hinein. Das Walross tappte besorgt hinterdrein. Und staunte: Denn da rollte das Kleintier durch die überschlagenden Wellen wieder auf den Sand, stand auf, schüttelte sich.

"Wasserrollen im Regen ist doch das Größte, um Fisch zu verdauen."

"Walrösser rollen doch nicht. Wir schaukeln tief im Meer und sehen dem Mond zu."

"Komm, sei kein Frosch!"

"Kein, was?",

doch wieder hörte die Ratte nichts, weil sie die nächste Rolle in die Welle schlug. Das Walross tappte nach, tiefer, tiefer. Die Wellen schlugen an den Speck, wumm, wumm, es rührt sich kaum vom Fleck.

"Tiefer, tiefer rein!"

schrie das Kleintier gegen den Lärm,

"tiefer rein!"

Das Walross tappte so tief, dass die Flossen nicht mehr am Sand waren. Und wirklich, eine wilde Welle kam. Ganz gegen Walross Art legte es sich auf die Seite. Die Welle rollte das Specktier herum, der Rücken schleifte über den Sand. Doch ein Wellenschlag und es stand wieder auf seinen Flossen im Sand.

"Siehst Du, es geht doch",

hopste die Wasserratte wieder begeistert ins Wasser. Doch das Walross hörte nichts, weil die Wasserschutzdeckel noch auf seinen Ohren lagen. Aber so ein Abenteuer hatte es im Leben noch nicht erlebt. Was es nur alles gab fern von der Herde, wunderte es sich. Und trabte in die nächste Wasserrolle hinein. Als die Welle es wieder drehte, diesmal schon schneller, dachte es noch, was bloß ein Frosch sein mag.

Und wenn sie nicht gestorben wären, würden die beiden sich heute noch im Winterregen von den Uferwellen rollen lassen.

Walross, III. Advent, 16.12.00



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