Das Märchen vom Walross und der Möwe
Das Walross schnaufte also wieder einmal an den Strand Kanadas, wo der große Fluss aus den Wälder kam, in die sich der Bär vertrollt hatte.
Das Kätzchen und das Erdferkel freuten sich immer schon, wenn das Walross mit neuem Fisch und alten Geschichten sich zu ihnen in den Sand gesellte. Stets tropfte dabei vom Speck eine große Pfütze.
Eines Tages, als die Katze anderswo mauste, flog eine weiße Möwe zu den beiden Gefährten, dem Walross und dem Erdferkel, das sich verschmust in seine linke Vorderflosse gekuschelt hatte.
"Krah, krah"
grüßte die Möwe höflich,
"warum bist Du nicht auf der Sandbank mit der Herde?"
Das Walross erzählte:
"Ach, die Herde! Als ich jung war, war es mein Paradies, in der Herde mich Haut an Haut zu reiben, mich zu wärmen, und Geschichten vom Meer, Muscheln und Fischen zu erzählen. Später, als Bulle, habe ich mir viele Weibchen erkämpft. Ich lag am liebsten mitten unter ihnen. Ich fühlte ihre Liebe, Wärme, ihr Herzpochen. Und manchmal sogar schon das Pochen der Herzen der Kälber in ihnen, wenn der Wind das Meer einmal ganz still in Frieden liegen ließ. Das war Paradies.
Doch Sehnsucht zog mich fort in die Fremde, in der ich neue Freunde, Gesichter gesehen, den Bären, die Katze, das Erdferkel und nun Dich, Du Federflugweißes. Wie heißt Du?"
"Möwe",
sprach die Angesprochene,
"Majuwar Möwe, die Wissende, so nennen mich die meinen vom Stamm."
"Boooh!",
staunte das Erdferkel ehrfürchtig,
"die Wissende, da musst Du aber schon viel wissen, nicht wahr?"
"Ja"
erwiderte die Möwe stolz,
"mir ward in einer Mondennacht auf dem Kreidefelsen ein Leuchten zuteil, was ich nie mehr vergaß: das Leuchten des Glücks."
"Was?"
räusperte sich schier sprachlos das Walross,
"was ward Dir?"
"Das Leuchten des Glücks und satten Erkenntnis kam zu mir in einer Mondennacht auf dem Kreidefelsen, als ich einen Silberfisch dort zu mir nahm. Öhem!"
Walross und Erdferkel schauten sich zweifelnd an, wobei Erdferkel seine Sprache zuerst wieder fand:
"Ein Silberfisch schwamm über den Kreidefelsen?"
"Dummchen",
gab die Möwe gütig zurück,
"den Fisch habe ich mir in der Pranke vom Meer mitgenommen, um ihn in einer Monden-Nacht auf dem Kreidefelsen...."
"Ja, gut"
brummte das Walross etwas respektlos dazwischen,
"Fische habe ich auch schon gefuttert, oft so satt, bis der Bauch weh tat, doch welches Glück kam zu dir?"
Die Möwe dehnte sich majestätisch und sprang zur Unterstützung ihrer Rede sogar eine Handbreit in die Höhe, was das Walross mehr beeindruckte als das Erdferkel:
"Das Glück der Erkenntnis, mein mausgrauer Freund."
Das Walross rümpfte seinen Speck, weil ihn schon die Katze mit seiner Farbe so geärgert hatte. Deshalb hatte das Walross kein gutes Gefühl zu Mäusen, obgleich es noch keine gesehen hatte.
"Was ist das denn? Glück der Erkenntnis?"
"Du dickes Dummchen! Auf welcher mausgrauen Brennsuppe bist du nur einher geschwommen! Hast Du denn nichts von höheren Werten je gefühlt in Dir? Ist Dir die Sehnsucht fremd? Ach, nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich litt."
Wieder sahen sich Erdferkel und Walross verwirrt an. Sie waren solche lange Reden nicht gewohnt und schon leicht schwindelig. Doch die Möwe, die Reden im Sturm gelernt hatte, konnte noch viel, lange und laut erzählen:
"Ihr beiden Sanddummchen wisst ja nichts vom Leben! Ihr liegt hier verschmust und lasst die Sonne dem Mond folgen, und der Sonne den Mond. Dabei wisst ihr nicht einmal, ob es mehr Regentropfen als Sandkörner gibt, oder mehr Grashalme als Blätter. Seht ihr, ihr wisst schlichtweg nichts. So gut wie nichts."
Erdferkel und Walross hatten wirklich noch nie diese Fragen bedacht. Das Erdferkel meinte dann auch nur:
"Ach, weißt Du, liebe Möwe, ich hole mir noch ein paar Eichel, Nüsse und Beeren, ich weiß ja nicht, was kommt."
Und hoppelte fröhlich - wie immer - davon.
"Hörst Du das?",
dozierte die Möwe
"das gelbbraune Felltier weiß nicht, was kommt. Es fehlt ihm das Glück der Erkenntnis."
"Ja, und wie bekommst Du das Glück?"
"Frag' nicht mich, ich habe das leuchtende Glück der Erkenntnis in mir erfahren bei der Speise des Silberfischs im Schein des vollen Mondes auf dem Kreidefelsen! Meine Suche ist am Ende, frage Dich, behäbiger Speckkloß, es geht um Dich!"
"Nun, nun"
warf das Walross mit einem Anflug gutmütiger Entrüstung ein,
"was fehlt mir denn?"
"Alles, Schlichtwegs alles! Du bist ein Nichts, ein spiritueller Versager, ein Tagedieb, eine Fressmaschine.. und mit Verlaub: ein Lieferant gewaltiger Scheißhaufen."
"Was? Wie bitte? Was bin ich? Spirit? Was? Fressma...? Liefere Sand?"
kam das Walross langsam in Fahrt.
"Hör zu!"
lenkte die Möwe ab und ein,
"kennst Du den Bären mit den Honigtatzen?"
"Ja, ja"
gab das Walross widerwillig zu,
"habe ich kennen gelernt. Und?"
"Sieh! Das ist ein Gebildeter. Er sitzt stundenlang auf einem Baumstamm wie dem dort hinten, siehst Du? Und?"
"Ja, was und?"
"Ja,"
spreizte die Möwe jeden Buchstaben
"er m e d i t i e r t !"
"Er? Was?"
war das Walross wieder am Ende mit seinem Latein.
"Er meditiert über das erleuchtete Glück des Seins."
"Was ist denn das alles bloß? Ich verstehe Dich nicht."
"Tja,"
meinte die Möwe, wobei sie wieder elegant eine Handbreit in Luft federte,
"tja, Du bist eben ein Erdverklebtes, Wasser verdrängendes Walross. Um das erleuchtete Glück des Seins zu verstehen, müsstest Du vielleicht erst mal meditieren lernen."
"Vielleicht auch auf einem Baumstamm?"
warf spöttisch das Grautier ein,
"das könnte bestimmt nicht schaden, wenn Du Deine Gedanken ein wenig in die Lüfte erheben könntest über Deine Fischgrätenschwänze hinaus,"
gab die Möwe schon im Abflug zu verstehen.
Das Walross war von den fremden Gedanken ganz wirr im Kopf. Es schleppte sich ins Wasser zurück, ohne zu bemerken, dass das Erdferkel ihm zum Abschied nachlief. Doch auch im Wasser wurde dem Walross der Kopf nicht mehr klar. Es stieß sich an einen Felsen an wie letztmals als tapsiges Baby Walross.
Es schwamm bis zur nächsten Sandbank, schnaufte aus dem Wasser, und sah etwas traurig auf seinen Kratzer im Speck, den der Felsen geschlagen hatte. Da landete die Möwe nochmals an seiner Seite:
"Siehst Du! Fische fressen, Muscheln knacken, Mond begaffen, im Sonnenbad schwitzen, auf Meereswellen schaukeln, das ist es nicht! Das wahre Glück der leuchtenden Erkenntnis kommt nie ohne tiefe Meditation. Aber Du kommst ja nicht einmal auf einen Baumstamm, hehehe!"
Die Möwe hatte leicht Lachen, dachte das Walross traurig, was sehnsüchtig dem Weißflugfedertier nachträumte, welches sich schwerelos vom Steigwind in die Höhe schießen ließ.
Die fremden Gedanken ließen das Walross nicht mehr los. Es war nun schon lange fort von der Herde. Die Fische schwammen leicht vor das Maul. Es schnaufte an den Strand zurück und begann zu Grübeln. Es hatte kaum noch Augen für sein geliebtes Erdferkel und vergaß gar den Fisch für die Katze.
Die beiden kleinen Fellfreunde unterhielten sich leise, ob es vielleicht krank sei. Doch da das Walross vergessen hatte, die Wasserschutzdeckel von den Ohren zu klappen, hörte es seine Freunde nicht einmal.
Das ging nun immer öfter so. Das Erdferkel machte sich schon Sorgen. Es schleppte eine Eichel an. Die Katze brachte sogar eine Maus, was das Walross wirklich für eine Zeit ablenkte.
Doch die nur noch wenig zuckende Maus tat dem Walross im Herzen leid. Er streichelte das sterbende Tier liebevoll mit der Flosse. Die Katze versuchte, aufzumuntern:
"Die Mäuse haben nicht viel Lebenskraft. Ich kann immer nur kurz mit ihnen spielen. Dann sind sie so tot wie die da. Aber kalt schmecken sie nur halb so gut. Kalte Fische sind mir da schon lieber."
Das Walross zuckte zusammen, weil es sich daran erinnerte, dass es seinen Fisch für die Katze vergessen hatte. Und vergaß es beim nächsten Landbesuch wieder.
Die Katze und das Erdferkel waren ziemlich traurig. Das Erdferkel meinte, dass die Möwe dem Walross einen Floh ins Ohr gesetzt hätte. Und als das Walross sich zu dem Baumstamm schleppte und mühsam mit den Flossen Sand davor aufschaufelte, da fürchteten die beiden, kleinen Fellfreunde, dass sich das Walross sein Grab zu schaufeln begann.
Das Walross arbeitete mit schweigsamer Verbissenheit. Es häufte mit seinen Flossen einen gewaltigen Berg aus Sand um den Baumstamm herum an. Nach Tagen von Arbeit war es soweit.
Die Katze und das Erdferkel wussten nicht, ob sie lachen oder weinen sollten. Denn das Walross schleppte sein ganzes Gewicht schnaufend über den Sandberg auf den Baumstamm hinauf. Dort saß es dann fast den ganzen Tag. Es machte dabei ein Gesicht, wie es dies von der Möwe gesehen hatte. Aber Walrösser haben nun mal keine krummen Möwenschnäbel.
Diese kam bald auch wieder einmal daher geflogen und krähte:
"Prima, prima, Du machst ja mehr Fortschritte, als ich Dir bei Deiner Figur zugetraut hätte. Doch wahrscheinlich wird Dir das wenig nutzen. Du brauchst wahrscheinlich einen Lehrer!"
Dabei zeigte die Möwe in den Himmel, wo eine Möwe hinter einer andern her jagte.
"Siehst Du? Dort zeigt die alte Möwe der Jungen, wie die Gedanken fliegen."
Das Walross erinnerte sich an seine Jugend, wie es lange neben seiner Mutter durch die Fluten gesegelt ist. Wie es später den Walrossweibchen nachgekugelt war, die sich immer irgendwo fangen ließen. Und wie die jungen Walrosskälber neben ihm durch die Fluten gejagt waren, dass Wasser in weißer Gischt spritzte.
Dazu sprang noch die Katze, die sich lautlos an die Möwe geschlichen hatte, hinzu. Die Katze erwischte gar noch im Sprung eine Schwanzfeder, dass die Möwe mit empörendem Geschrei abhob. Sie flog gerade über das Walross ab und spritzte ihm einen scharfen Möwendreckstrahl über die Nase.
Da durchblitzte das Walross, was nun schon lange auf dem Baumstumpf meditiert hatte, das Glück der Erkenntnis.
"Heureka!"
heulte das Walross,
"Das kann kein Zufall sein! Zufall gibt es nicht. Die Möwe hat mich beschissen! Danke, Möwe, Du hast mich nicht umsonst beschissen! Jetzt weiß ich Bescheid!"
Frohgemut walzte das Walross in die Fluten, wusch sich die Nase. Es brachte der Katze sogleich wieder einen dicken Fisch. Und das Erdferkel schleppte die Möwenschwanzfeder in seinen Bau.
"Das wird ein weiches warmes Bett."
"Ja, fein"
brummte das liebe, fette, kleine Walross,
"und dann komme ich Dich besuchen und lege mich zu Dir."
Da sahen sich die Katze und das Erdferkel fragend, zweifelnd an, ob das Walross jetzt schon wieder anfing, zu spinnen. Aber das brummte nur wohlig.
Da lief sogar erstmals die Katze über die Walrossflosse den Speckrücken hinauf. Und biss beherzt in das speckige Walrossohr.
"Freches Luder! Nichts stört mein Glück der Erkenntnis!"
brummte es. Und die drei spielten wieder glücklich, wobei die Möwe aus sicherer Entfernung zusah. Das Glück der Erkenntnis schenkte ihr die Weisheit, nicht dazwischen zu krähen. Was hätte sie auch sagen sollen? Seit ihrem gezielten Möwenschiss hörten ihr unsere drei Freunde ohnehin nicht mehr zu.
Und wenn sie nicht gestorben sind, spielen sie heute noch.
Walross, Vollmond 11. Dezember, 2000, Bhagwan's Geburtstag
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