Das Märchen vom Walross und dem Kätzchen
Das war einmal ein liebes, dickes, fettes, altes Walross. Das schwamm vor
Kanada ans Ufer an den Fluss, wo es schon den Bären und das Erdferkel
getroffen hatte. Das Erdferkel war wirklich lustig, so klein, so munter, so
quicklebendig. Und das Walross hatte noch nie ein Felltier gesehen,
geschweige berührt. Das Walross kannte ja bislang nur glitschige Fische und
steinharte Muscheln. Kannst Du Dir vorstellen, wie sich das Walross sehnte,
ein Felltier zu fühlen?
Wie nun das Erdferkel staunend sah, wie das Walross an Land stapfte, alles
tropfnass herum, da setzte es sich lachend und furchtlos auf die Hinterbeine:
"Du bist ja vielleicht ein komischer Speckkloß!"
Das Walross machte erstmals seine Wasserklappen von den Ohren, blinzelte und
fragte:
"HÄ?"
Das Erdferkel prustete vor Lachen:
"Was bist Du denn für einer?"
Das Walross fand diese Stimme von dem kleinen Felltier so faszinierend und
erregend. Deshalb antwortete es feierlich:
"Ja siehst Du mich denn nicht? Ich bin das kleine, liebe, dicke, fette
Walross!"
Da fiel das Erdferkel vor Lachen fast auf den Rücken. Wort gab Widerwort und so
wurden sie Freunde. Sie besuchten sich immer häufigen, denn sie fanden immer
wieder ihren Spaß zusammen.
Weil das Walross nun noch nie ein Felltier gefühlt hatte, sehnte es sich
unglaublich danach, dieses Fell zu fühlen. Aber wie sollte ein fettes Walross
an Land ein Felltier greifen können? Das ging nicht. Selbst ein kleines
Erdferkel war doch viel zu schnell für ein tapsiges Walross an Land. Und ins
Wasser kamen keine Felltiere zum Walross.
Nach einiger Zeit traute sich das Walross dann auch wirklich zu fragen:
"Erdferkel, ich würde Dich so gerne einmal mit meinen Flossen spüren. Meinst
Du das das geht?"
Das Erdferkel war mit der Zeit schon recht zutraulich geworden. Aber das kam
ihm mehr komisch als gefährlich vor. Es kratzte sich mit der linken
Hinterpfote kunstvoll verdreht am rechten Vorderohr und rückte vorsichtig in
die Nähe vom Walross:
"Aber Du mußt viel vorsichtiger sein als mit Deiner tapsigen Schwanzflosse!"
"Klar,"
versprach das Walross, und fragte etwas verständnislos
"aber was ist denn tapsig an meiner Schwanzflosse?"
"Wenn Du damit auf den Sand klatschst,"
sagte das Erdferkel und ging wieder einen halben Meter zurück,
"dann fliegen ja die Sandfontänen hoch, da möchte ich nicht drunter kommen!"
Dem Walross, dem schon etwas Seiber an seinem langen, rechten Stoßzahn
entlang gelaufen war, auf den er sich stützte, wenn er mit Erdferkel
flirtete, dem Walross wurde ganz traurig um's Herz, und es versicherte:
"Du brauchst ja bloß mal über meine Vorderflosse krabbeln, dann fühle ich
Dich doch schon, bitte."
Dem Erdferkel klang das nun schon vertraute Walrossbrummen so traurig, dass
es allen Mut zusammen nahm. Es tappelte ganz schnell über die rechte Flosse.
Und das Walross hielt still, machte die Augen zu und brummte wohlig,
"mhhhhhhhhhhhh".
Das Brummen kitzelte lustig in Erdferkel's Bauch. Und so legte es sich
zutraulich auf die Walross-Pfote. Das spürte, dass Erdferkel sein Brummen
freute. So wurden die beiden so vertraut, dass das Erdferkel über Walross
kletterte und krabbelte wie über die Erdhügel, wo es lebte.
Eines Tages kam das Walross wieder an Land. Da begrüßte es nicht wie gewohnt
sein liebgewonnenes Erdferkel. Dafür saß da eine schwarze Katze mit weißen
Pfoten und einer weißen Schwanzspitze und schillernd grünen Augen. Das
Erdferkel hatte die Katze gewittert und war lieber im Bau geblieben.
Schon das Erdferkel hatte ein samtweiches, erdgelbes Fell. Aber eine Katze
mit diesen Farben und funkelnden Augen hatte das Walross noch nie gesehen. Es
klappte sogleich die Wasserdeckel von den Ohren und hörte ein schmeichelndes
Maunzen:
"Du hast ja eine leckere Farbe, aber bist ja viel zu groß und fett!"
"Äh?"
fragte das Walross voller Unverständnis,
"leckere Farbe?"
"Ja"
maunzte die Katze und strich sich mit der weißen Samtpfote über ihr
schwarzes Brustfell,
"ja, lecker wie Mäuse, aber viel zu groß und fett!"
"Aha"
verstand das Walross,
"Mäuse sind Deine Fische?"
"Fische, hast Du Fische?",
fragte die Katze und setzte alle Pfoten sofort in den Sand und ihre Augen
wurden ganz schmal.
"Klar"
prahlte das Walross,
"Fische, Hunderte, und Muscheln, Tausende!"
"Aha"
rechnete die Katze überschlagend,
"deshalb bist Du so groß und fett!"
Das Walross schüttelte Wasser aus dem Speck, daß die Katze entsetzt zur Seite
sprang.
"Entschuldigung",
murmelte das Walross.
"Macht ja nichts",
log die Katze listig lächelnd,
"vielleicht bringst Du mir mal einen Fisch?
"Klar",
meinte das Walross und träumte davon, das Felltier Katze auf seiner Flosse zu
fühlen. Es sehnte sich aber noch mehr nach seinem vertrauten Erdferkel.
Immer wenn das Walross nun an Land tappte, brachte es einen dicken Fisch. Das
Erdferkel war nie mehr zu sehen, wenn das Walross aus den Fluten schaufte.
Die Katze lauerte dafür am Strand. Und bekam ihren Fisch.
"Wo bleibt nur mein Erdferkel,"
fragte das Walross traurig in sich hinein.
"Erdferkel? Hihihi!"
maunzte die Katze schmatzend.
"Was lachst Du denn?",
fragte Walross mit einem Anflug von Ärger.
"Erdferkel haben Angst vor Katzen. Dabei sind sie fast gleich stark wie wir.
Ein Erdferkel würde ich nie schnappen wie eine Walross graue Maus!"
Der Vergleich ärgerte das Walross schon etwas, aber die Sehnsucht nach seinem
Erdferkel macht seine Stimme sanft:
"Meinst Du, wir können das Erdferkel rufen?"
"Versuchen wir es, wenn ich genug Fisch gegessen habe,"
und dann riefen sie wirklich gemeinsam:
"Erdferkel, Erdferkel, Erdferkel!"
Das hörte es in seinem nahen Bau und streckte die Nase behutsam.
"Du kannst ruhig kommen. Ich bin zum einen satt, zum andern mag ich keine
Erdferkel, und Du bist ja fast so stark wie ich!"
Aber sofort ärgerte sich die Katze, dass sie das letzte gesagt hatte. Aber
gerade das überzeugte das Erdferkel hurtig auf das Walross zuzulaufen,
nach dem es sich ja auch schon lange gesehnt hatte. Wie staunte die Katze,
als das Erdferkel ganz furchtlos auf das dicke, fette Walross über die
Schwanzflosse, den Rücken auf den Kopf kletterte. Und das Walross machte
genüßlich sein linkes Auge zu, derweil es sich mit dem rechten Stoßzahn am
Sand stützte und behaglich brummte.
Das Brummen gefiel der Katze ganz gewaltig gut, dass sie sich unwillkürlich
auf die Seite drehte, ganz nah zur Vorderflosse vom Walross und schnurrte.
Das Walross war im siebten Walross-Himmel. Als dann das Kätzchen sich noch
auf seine Vorderflosse legte, liefen dem Walross warme Schauer über den
Speckrücken. Und es rollte ihm eine salzige Träne vom linken Auge über die
Wange und tropfte dem Kätzchen auf den schwarzen Schnurrbauch.
Das spürte das sogleich, doch wischte nur ganz langsam mit der Hinterpfote
den Tropfen in sein Maul und schleckte die salzige Walross-Träne mit roter
Katzenzunge von der weißen Pfote. Das war so lecker nach dem Fisch.
Und Walross brummte, und Kätzchen schnurrte, und Erdferkel zwickte
glückselig mit den Pfoten in die Walross-Ohren. Doch das hielt ganz, ganz
still.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann treffen sie sich noch heute.
Walross zum Nikolaus für seine Freundinnen. 6.12.2000
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