<-Das Märchen von Bär und Walross

Es war einmal ein altes, dickes, liebes, fettes Walross. Es schwamm vor der Küste Kanadas herum. Eines Tags spazierte es an Land. Da kam ein kleines Erdferkel vom Strand. Es stellte sich auf die Hinterbeine und staunte:

"Ja, wie kann man nur so tolpatschig und fett und faltig sein, hihihi!"

lachte es. Das Walross gluckerte zurück:

"Ja, wie kann man nur so zottelig und tippelig klein sein! Dich sieht man ja kaum!"

Ein Wort gab das andere. Und so wurden sie Freunde. Das Erdferkel wartete schon immer auf das Walross. Es spazierte sogar auf seinem Walross-Fell herum.

Dort kratzte es Muschel und Algen ab, die sogar salzig schmeckten. Hmm, lecker! Eines Tags kam ein alter, tapsiger Bär den Fluß herunter. Er setzte sich auch an den Strand. Wie staunte er, als das Walross an Land schlappte. Der Bär brummte:



Walrus ''Antje'' from Hamburg Zoo, died 27 Years old 07/16/03

"Ja, was bist Du denn? Du hast ja nur Speck, kein Fell!"

Das Walross maulte zurück:

"Und Du? Schau Dich mal an, wie Dir der Sand in Deinen Zotteln klebt! Kämmt Dich denn keiner?"

So wurden sie auch Freunde. Sie hatten viel Spaß, weil sie schon beide zemlich alt waren. Sie lagen oft in der Sonne. Der Bär ließ seinen buschigen Schwanz bescheinen. Das Walross schlug mit der Schwanzflosse manchmal auf den Sand, dass es klatschte und kleine Sandfontänen warf.

Besonders gern sprachen die beiden über die Weibchen, die sie beide ein Leben lang genervt und geärgert hatten. Wenn sie welche wollten, waren die nämlich nie da. Und wenn sie mal in seliger Ruhe dem Mond hinter den Wolken zuschauen wollten, rollte manchmal ein besonders Drolliges vor ihnen herum, bis sie sich aufmachten. Und es beim Fellspeck faßten! Was war das für eine Plage mit ihnen, da waren sie sich einig.

Nur wenn Erdferkel dazu kam, waren sie beinahe ganz still. Da fing der Bär aber schon Streit an und meinte:

"Du läßt das Erdferkel ja nur Dein Fell putzen! Du benutzt es wie ich meinen Kratzbaum! Du bist doch ein ziemlich gefühlloser Fettwanst!"

Na, Walrösser machen sich nicht so viel aus dem Gebrumm. Sie tauchen dann in ihre Wellen zurück und waschen ab, was ihnen nicht paßt. Ohnehin war Walross am liebsten allein. Diese jungen Walross-Dinger, die vor ihm walzten und balzten, hatten in Wirklichkeit furchtbare Angst! Wenn dieser Koloss auf mich krabbelt, wabbelten sie vor sich hin, dann spießt er seine lange Stoßzähne durch mich. "Uhh".. und schüttelten sich.

Dem alten Walross war das egal. Er sah sie gerne, doch mühte sich nicht ab um die Nervensägen.

Eines Tags kam er wieder an den Strand. Da saß der Bär auf einem Baumstumpf. Das hatte das Walross immer bestaunt, wie sein Langfell-Bruder auf Bäume tappte, nur um aus Höhlen eine Pratze Honig zu klauben. Dem Walross war das unbegreiflich, wie der Bär dieses Bienen-Bumms-Brummen aushalten konnte. Aber Honig war schon eine feine Sache, irgendwie doch.

Nun sitzt der Bär auf dem Baumstumpf und fängt doch gleich an brummen:

"Hör mal! Walross! Mit mir machst Du das nicht wie mit Deinem geduldigen Erdferkel, hörst Du?"

Das Walross wäre am liebsten wieder in die Fluten zurückgetappt, aber gut? Hörte es sich diese lange Rede ohne Sinn weiter an. Walrösser sind unendlich geduldig.

Der Bär brummte weiter von seinem Baumstumpf, vor dem das Walross staunend auf allen Vieren saß und schnaufte:

"Also, Walross, immer kommst Du, um Dir meine Geschichten anzuhören, nicht wahr? Und platterst alles tropfnaß herum, wenn Du aus dem Wasser kommst. Und am Ende gehst Du wieder baden."

"Ja, was soll ich denn sonst machen?",

fragte das Walross total verdattert.

"Du sollst mir eine Patze Honig bringen, sonst erzähle ich nichts mehr!"

"Äh, Honig? Honig vom Baum? Von den Bumms-Brumm-Bienen? Spinnst Du? Hast Du schon mal ein Walross auf einem Baum gesehen? Gehe Du mal zu Deinen Bumms-Brumm-Bienen, Honig klauen. Laß mich da raus!"

Da zogen beide beleidigt ab. Der Bär ging wieder seinen Fluß rauf. Das Walross ins Wasser. Das Erdferkel meinte:

"Der kommt schon wieder! Vielleicht hat er nur seine Fellkrise? Wir Fell-Tiere sind da empfindlich, wenn uns ein neuer Pelz wächst im Winter!"

"Meinst Du?"

fragte das Walross und schaukelte sich in den Ozean. Es lag auf dem Rücken und flog durch das Wasser wie ein schwereloser Vogel. Komisch, kratzte es sich mit der linken Flosse am linken Ohr, dass es sich gleich auf die rechte Seite drehte, komisch sind doch die Tiere! Und es dachte sich:

"Wieso muß man bloß auf Bäume kratzeln, um von den Bumms-Brumm-Bienen
Honig zu stehlen?"

Manche Dinge versteht ein Walross genauso wenig wie ein Bär. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann streiten sie noch heute.

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